
SNF Ambizione
Belesenheit. Geschmack und soziale Grenzen
Kann man einen Text lesen, ohne sich zu fragen, was lesen heißt?
Pierre Bourdieu
Das SNF Ambizione Projekt untersucht die Kulturpraxis des Lesens im Kontext sozialer Grenzziehungen, Identitäten und Hierarchien in interdisziplinärer Perspektive. In den Literaturwissenschaften werden alltägliche Rezeptionserfahrungen meist als Randphänomene behandelt. Mit der neuen Hinwendung zur gelesenen Literatur ändert sich dies derzeit zögerlich, die konkreten Interaktionsverhältnisse zwischen Buch und Leser:in bleiben indes ein Forschungsdesiderat. Das Projekt widmet sich darum in einer großangelegten empirischen Studie Praktiken der Alltagsrezeption, um sie in ihrer gesellschaftlichen Situiertheit zu verstehen.
Denn Lesen ist nicht nur Sinnproduktion, sondern ebenso Produktion von Gesellschaft; und mit ihr die Produktion von sozialen Grenzen. Forschungsgegenstand ist der praktische Umgang mit Büchern, denen wie kaum einem anderen Kulturgut positive Werte zugeschrieben werden. Bücher verkörpern ein geteiltes Verständnis dessen, was in einer Gesellschaft wertvoll ist. Gleichzeitig setzen sie in ihrer ästhetischen Beschaffenheit subjektive Sinnstiftungsprozesse in Gang. Das Bücherlesen ist durch eine paradoxe Gleichzeitigkeit geprägt: Es soll Mittel sozialer Integration sein und ebenso individuelle Singularisierung ermöglichen. Deutlich wird dies in der Gegenwart, in der das Buch als zentrales, aber inhärent krisenhaftes Kulturgut wahrgenommen wird. Mit dem Bücherlesen werden nicht nur Texte praktisch hergestellt, sondern ebenso kulturelle Wertekonflikte ausgetragen, über die sich soziale Gruppen voneinander abgrenzen. Die Kulturpraxis Lesen ist insofern immer auch ein Aushandlungsort soziokultureller Konflikte.
Das Projekt verfolgt einen Mixed-Methods-Ansatz, der sozialwissenschaftliche mit literaturwissenschaftlichen Methoden kombiniert, um die Austauschverhältnisse zwischen Buch, subjektiver Wertung und soziokulturellen Werten zu untersuchen.
Aktuelles
Neu erschienen: Special Issue "Writing the Social" (Jg. 19/H. 1) des Journal of Literary Theory, herausgegeben von Carolin Amlinger, David-Christopher Assmann und Urs Büttner. |