Ort: eikones Forum, Rheinsprung 11, 4051 Basel
Gletscher verbinden zwei sehr unterschiedliche Zeitdimensionen: Ihr Wachsen und Schwinden vollzieht sich in der Regel über Jahrhunderte und Jahrtausende und entzieht sich damit der unmittelbaren menschlichen Erfahrung. Zugleich schwindet das Eis heute so rasch, dass sich der Rückzug eines einzelnen Gletschers innerhalb eines Menschenlebens verfolgen lässt. In der Literatur erschienen Gletscher lange als dauerhafte Bestandteile der Landschaft. Sie spielten eine zentrale Rolle in nationalen Mythologien und dienten als Flucht- und Orientierungspunkte volkskundlichen Wissens. Wer heute über Gletscher schreibt, schreibt dagegen fast zwangsläufig auch über ihr Verschwinden. Seit Beginn der Industrialisierung haben die Alpengletscher zwei Drittel ihres Volumens verloren, den grössten Teil davon in den vergangenen Jahrzehnten.
Der Workshop «Gletscher-Protokolle. Literatur an der Klimakante» an der Universität Basel fragt danach, wie der gegenwärtige Gletscherschwund wissenschaftlich dokumentiert, literarisch erzählt und künstlerisch erfahrbar gemacht wird. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis der unterschiedlichen Zugänge zum verschwindenden Eis: naturwissenschaftliche Messungen und Aufzeichnungen einerseits sowie literarische Texte, kulturgeschichtliche Deutungen und künstlerische Arbeiten andererseits. Es sprechen Anne-Sophie Balzer über die Frage, wie man sich mit einem Gletscher befreundet, Simon Probst über Erinnerungskultur in der Klimakrise, Jann Duri Bantli (Universität Luzern) über die Vermenschlichung hochalpinen Eises in den Gletscherschutzprojekten des Bernina-Gebiets, Saadia Mirza (Paris) über eine Phänomenologie von Eisbergkollisionen, Jonas Frick (Institut Kulturen der Alpen) über das Verschwinden des Schnees in der Gegenwartsliteratur sowie Boris Previšić (Universität Luzern) über Blatten.
Am Abend wird das Gespräch über Gletscher-Protokolle im Literaturhaus Basel mit einer Lesung von Anne-Sophie Balzer und Simon Probst fortgeführt. In ihren im Herbst erschienenen Büchern Die Gletscher schmelzen, während wir uns verlieben (Aufbau) und Gletscher beerdigen (Matthes & Seitz) nähern sich die beiden Autor:innen dem Gletscherschwund aus unterschiedlichen Perspektiven. Balzer verbindet eigene Erfahrungen im Hochgebirge mit Erkenntnissen aus der Glaziologie, der Literatur- und Kulturgeschichte und zeigt auf, wie sich die Wahrnehmung und Darstellung von Gletschern im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Probst wiederum nimmt Gletscherbeerdigungen und andere Formen ökologischen Gedenkens zum Ausgangspunkt, um der Frage nachzugehen, wie sich um den Verlust nichtmenschlicher Lebenswelten trauern lässt. Im von Céline Burget moderierten Gespräch «Wo ist das Eis?» geht es darum, was mit den Gletschern auch an Vorstellungen, Bildern und Geschichten verschwindet – und wie sich von einem Verlust erzählen lässt, der nicht erst bevorsteht, sondern sich bereits vollzieht.
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