Veranstaltung:

09 May 2021
18:00

Ort:
online

Organisator:
Kulturstiftung des Bundes

Öffentliche Veranstaltung

„Truthifiction“ – Wie umgehen mit umkämpften Wahrheiten in der Informationsgesellschaft?

Prof. Dr. Nicola Gess ist zu Gast bei der Veranstaltungsreihe "Labore des Zusammenlebens" der Kulturstiftung des Bundes.

Der Theaterregisseur und Videokünstler Arne Vogelgesang eröffnet die dritte Ausgabe unserer "Labore des Zusammenlebens“ mit der Premiere seiner 30minütigen Lecture Performance „Truthifiction“, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung entwickelt wurde. In der Krise, so beobachtet Vogelgesang, hat die Proklamation von Wahrheit Konjunktur. Wahrheit verspricht die Wiederherstellung einer verloren gegangenen Sicherheit. Dieses trügerische Versprechen verschafft in der gegenwärtigen Coronakrise politischen Strömungen und Bewegungen Zulauf, die auf Verschwörungsmythen aufbauen. Deren bisweilen radikale Zuspitzungen im Internet bearbeitet der Theatermacher seit über zehn Jahren. Mit „Truthifiction“ widmet er sich nun u.a. den so genannten “Truthern”: Menschen, die eine geheime Wahrheit hinter den durch Medien und Politik verbreiteten Informationen zu erkennen glauben und die es sich zur Aufgabe machen, die Öffentlichkeit über die “Wahrheit” aufzuklären. Vogelgesang analysiert: Extremistische Strategien der Wahrheitsbehauptungen verändern gegenwärtig unsere demokratische Medien- und Informationskultur. Sie erodieren mit Systematik Vertrauensverhältnisse und schaffen die Grundlage für einen neuen politischen Stil, der seine Macht daraus gewinnt, noch die offensichtlichste Lüge als Information behaupten zu können.

Auf seine Performance reagiert im anschließenden digitalen Gespräch die Literaturwissenschaftlerin und Baseler Professorin Nicola Gess, die jüngst das Buch „Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit“ publiziert hat. Darin geht sie der Frage nach, warum eine durch Fakten überzeugende, wirksame mediale Gegenreaktion auf Verschwörungserzählungen oft nicht gelingt. Anhand von Vogelgesangs Beispielen aus den sozialen Medien wird Nicola Gess über ihr Konzept eines "Fiktionscheck" sprechen, einer neu zu entwickelnden Medienkompetenz für das 21. Jahrhundert, die über den "Faktenckeck" hinaus geht. Gess ist dabei überzeugt, dass moralische Empörung über Fake News und Co. den Blick auf ein viel größeres Problem versperrt: Als demokratische Gesellschaften haben wir Jahrzehnte lang zu wenig in denkbare alternative Zukunftsentwürfe investiert. Die bewusste Streuung alternativer Fakten versteht sie als eine zynische Reaktion hierauf. Einzudämmen sei diese Entwicklung nur durch eine Gesellschaft, die sich zutraut, aus Krisen neue Ideen für gesellschaftliche Ziele abzuleiten – statt in Angst vor dem Unwägbaren auf die Wiederkehr alter Sicherheiten zu pochen. 

Gemeinsam begeben sich Arne Vogelgesang und Nicola Gess in die Rabbit holes obskurer und unglaublicher Internetfunde. Die Moderation übernimmt Jeanne Bindernagel (Kulturstiftung des Bundes). Das Publikum kann über die Chatfunktion mit Fragen und Kommentaren an Performance und Gespräch teilnehmen.

 

Die Lecture Performance und das nachfolgende Gespräch werden am Sonntag, 9. Mai um 18 Uhr live auf dem Youtube-Kanal der Kulturstiftung des Bundes und parallel auf www.boell.de und www.nachtkritik.de gestreamt. Eine vorherige Anmeldung ist nicht notwendig.


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