Dissertationsprojekt 

„Erratische Bewegungen – eine Formansprache an Verirrte in verwilderten Texten des Mittelalters“

Irren ist eine virulente Möglichkeit jedes Deutungsprozesses vor dem Hintergrund der Endlichkeit menschlicher Wissens- und Erkenntnisfähigkeiten. Während die Irrfahrt und das Verirren tradierte literarische Motive darstellen und der Irrtum seit jeher Gegenstand und Möglichkeit philosophischer Überlegungen ist, erhält das (Ver-)Irren in der nachklassischen mittelalterlichen Literatur eine spezifische poetische Valenz. Die Wahrheit, die der Dichter im sogenannten klassischen höfischen Roman noch zu verbürgen beanspruchte, erscheint zunehmend unverfügbar. Dabei sind Unbeständigkeit und Unwägbarkeit sowohl Darbietungsmodus als auch thematischer Gegenstand des Erzählens: Der Held bewegt sich durch trügerische, labile Welten, deren unzuverlässige Informationsisotopien dieselben unter seinen Deutungsansprüchen zusammenbrechen lassen. Die Angewiesenheit des Helden auf Orientierung und Wegweisung einerseits und die Versagung eines eindeutigen Sinnangebots andererseits zeitigen eine Einstellung des Textes auf die eigene Deutungsbedürftigkeit hin. Aus der Gefahr des Irrens und Verirrens ergibt sich damit ein gesteigertes Bewusstsein um die eigenen narrativen Verfahren, die eine ästhetische und reflexive Distanz der poetischen Form zu sich selbst bedingen. So wird etwa in Heinrichs von dem Türlin Diu Crône das thematische Moment der Irrbarkeit Anlass und Impuls des formalen Reflexes, indem konventionalisierte Mittel der Bedeutungskonstitution wie das Gottesurteil oder der prophetische Traum unter das Zeichen des Irrtums gestellt werden. Die ästhetischen Ausdruckmittel in ihrer narrativen Disposition werden dabei nicht nur Thema des Textes, sondern auch Impuls für schematische Deutungsoptionen, die kalkuliert in die Aporie geführt werden. Die Verwilderung der erzählerischen Form erweist sich als Bedingung ihrer Reflexion.

 

Forschungsschwerpunkte 

-nachklassische Erzählungen des Mittelalters; historische Narratologie 

-Irrbarkeit 

-literarische Formen in Mittelalter, früher Neuzeit und Moderne 

-Literaturtheorie und Methodengeschichte 

-Russischer Formalismus; Strukturalismus 

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