Gletscher

Landscapewriting im Anthropozän.Terrapoetik.

«Die Öde wird Geschichte, / Termiten schreiben sie / Mit ihren Zangen / In den Sand.»

Peter Huchel

Das SNF-Projekt untersucht aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive Verfahren und Formen des topographischen Beschreibens in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die gegenwärtige Konjunktur des Nature Writing hat die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft verstärkt auf Formen literarischer Landschaftsdarstellung gelenkt. Zunehmend rückt dabei ein Verständnis von Landschaft in den Vordergrund, das über ihre Funktion als Schauplatz oder Kulisse menschlichen Handelns hinausreicht. Eine theoretische Klärung des Landschaftsbegriffs steht in der Literaturwissenschaft gleichwohl noch aus. Seine Vereinnahmung durch nationalistische und koloniale Raumkonzepte hat ihn unter generellen Ideologieverdacht gestellt, und erst zögerlich wird Landschaft als literaturwissenschaftliche Kategorie neu gedacht. Das Projekt nimmt eine Engführung auf das Landscape Writing vor, auf jene poetologisch auf das Terrain bezogenen, ‹literarisch abformenden› Landschaftsdarstellungen, die dem Landschaftsraum eine quasi-skripturale Textur unterstellen. Landschaft erscheint in ihnen nicht als statischer Raum, sondern als materiell, historisch und kulturell geprägtes Gefüge, dessen Oberflächen, Schichtungen und Veränderungen selbst zum Gegenstand literarischer Wahrnehmung werden.

Landschaft ist nie einfach gegeben. Sie entsteht erst in einem Prozess des Wahrnehmens und Deutens, der kulturell und gesellschaftlich präfiguriert ist; einen neutralen, unschuldigen Blick auf sie gibt es nicht. In der Gegenwartsliteratur steht die Darstellung von Landschaft zudem unter einem zweifachen Zeitindex. Retrospektiv rückt Landschaft als Tiefenraum sedimentierter Geschichtlichkeit in den Blick, in dem sich Erinnerungsspuren von Krieg, Gewaltherrschaft und Auslöschung chiffriert finden. Prospektiv sieht sich Landschaftspoetik mit den Zukunftslasten des Anthropozäns konfrontiert: mit beschleunigter Klimaerwärmung, Artensterben und der gefährdeten planetaren Balance des Erdsystems. Literarische Texte verhandeln das Spannungsfeld zwischen eigenständigem Naturgeschehen und menschlicher Deutung und machen den Akt des Wahrnehmens selbst zum Gegenstand. Damit setzen sie der formelhaften Sprache der Umweltdebatten eine eigene Form der Erkenntnis entgegen.

Methodisch verbindet das Projekt literaturwissenschaftliche Textanalysen mit Ausgriffen auf intermediale Darstellungsformen wie Film, Kartierung und Fotografie sowie auf Wissen aus Geologie, Geoanthropologie und Hydrologie. Teilprojekt 1 («Entzifferung im Gelände») liest das genreübergreifende Werk von Esther Kinsky (Lyrik, Prosa, Essay und Text-Bild-Arbeiten) auf die Schichten von Erinnerungslandschaften hin. Teilprojekt 2 («Landscape Writing im Anthropozän. Zur Lesbarkeit von Landschaft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur») untersucht literarische Texte, in denen elementare Zirkulationsprozesse nicht als selbstverständlich funktionierende Kreisläufe erscheinen, sondern in Momenten der Unterbrechung, Störung oder Transformation sichtbar werden.


Aktuelles

Gletscher-Protokolle. Literatur an der Klimakante

Flyer Gletscher-Protokolle

Den Auftakt der Projektveranstaltungen bildet am 25. November 2026 der Workshop «Gletscher-Protokolle. Literatur an der Klimakante» an der Universität Basel. Der schwindende Gletscher steht exemplarisch für Landschaften, die sich vor unseren Augen auflösen und deren Verschwinden die Literatur zu protokollieren sucht. Wie verhandelt sie das Unsicherwerden ganzer Landschaften, und mit welchen Schreib- und Darstellungsweisen lässt sich dieser Wandel erfassen? 

Diesen Fragen gehen Beiträge aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Glaziologie und Klangkunst nach. Am Abend lesen und diskutieren Anne-Sophie Balzer und Simon Probst im Literaturhaus Basel unter dem Titel «Wo ist das Eis?»

Hier finden Sie das Programm des Workshops.

 

Projektleitung

Projektmitarbeitende

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