Sekundäre Literalität. Widerständige Konfigurationen der Schrift nach 1945

Die Entwicklung, Etablierung und Verbreitung von akustischen Medien verstört in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das eingespielte Gleichgewicht von Mündlichkeit und Schriftlichkeit nachhaltig. Konnte die (Verbal-)Schrift vordem unzweideutig als das gelten, was mündliche Rede aufzeichnet, speichert und über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg zugänglich macht, gerät gerade dieses Versprechen unter erhöhten Druck, sobald mediale Alternativen in der Gestalt von Telephon, Grammophon und Radio zur Verfügung stehen. Doch zeigt sich in der Praxis (aber auch in der kulturwissenschaftlichen und linguistischen Theorie) rasch, dass auch die neuen Audiotechniken dahinter zurückbleiben, tatsächlich verbale Mündlichkeit medial anzuschreiben: Was Edisons Phonograph (ab den 1880ern) zurückspielt, was der Rundfunk (ab 1920) überträgt und was das Tonband (nach dem Zweiten Weltkrieg) aufnimmt – so fällt unmittelbar ins Gehör –, ist nicht eigentlich Rede, es ist alleine deren physikalisch beschreibbare Audiospur – mitsamt Störgeräuschen.

Der Gang der (westlichen) Literaturgeschichte seit der Erfindung des Grammophons könnte in seinen breiten Entwicklungs- und Innovationsschüben in diesem Sinne auch als Reaktion auf die Destabilisierung des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit nachgezeichnet werden: Als ein Effekt der medientechnischen Aufzeichenbarkeit von Auditivem fallen die symbolische (die sich aus abstrakten und ideellen Differenzeinheiten eines Redeereignisses zusammensetzt) und die reale Dimension (die das individuelle und aktuelle Sprachgeschehen selbst ist) des Hör- bzw. Sicht- und Verstehbaren auseinander: Trennt die Zäsur akustischer Medien jedes beliebige Sprechereignis in (abwesende) symbolische Form und (am Tonträger materialisierte) akustische Spur, in Sprachsemiotik auf der einen und Lautphysik auf der anderen Ebene, so eröffnet deren phänomenale Ununterscheidbarkeit gleichzeitig einen energiegeladenen Zwischenraum. Insbesondere ästhetische Experimentalanlagen suchen zu Beginn der 1950er (nach der Verbreitung des Tonbands) gezielt dynamische Kippfiguren zwischen dem Realen und dem Symbolischen von Sprache auf. Das Verhältnis von (sekundärer) Notation und (vermeintlich primärem) Gegenstand entpuppt sich durch diese mediale Destabilisierung nachdrücklich als Ort experimentell-ästhetischer Innovation.