Zivilisationstheorie, Diskursanalyse, Geschlechtergeschichte. Mittelalterliche Erziehungsschriften für rechtes Verhalten im Kloster, am Hof und im städtischen Milieu

Das Forschungsprojekt thematisierte drei gravierende Defizite ’der’ Zivilisationstheorie: die Nichtberücksichtigug frömmigkeitsgeschichtlicher Aspekte, den Mangel an diskursanalytischer Aufarbeitung der verwendeten Quellen und die Vernachlässigung geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen. Mit der Verbindung zivilisationstheoretischer, diskursanalytischer und geschlechtergeschichtlicher Aspekte leistete dieses Projekt Pionierarbeit. Dass die Verbindung mehrerer Theorieansätze gerade an der kulturhistorisch äusserst komplexen und folgenreichen Relation von monastischen und höfischen Erziehungsschriften durchgespielt wurde, verdankte sich neueren mediävistischen Forschungsresultaten. Speziell ging es um die Frage, wie höfisch-adlige Repräsentation, monastische Disziplin und klerikaler Lateinunterricht einander zuarbeiten: In diesem Schmelztiegel wird das kreiert, was wir heute ’Anstand’ nennen. Dabei war die Frage zu klären, inwieweit diese Vorstellung von ’Anstand’ geschlechterspezifisch bestimmt worden ist. Mit der Überschreitung der Epochengrenzen Mittelalter und (Früher) Neuzeit - und damit auch der heutigen Fächergrenzen - war es überdies möglich, zentrale Thesen zum Prozess der Zivilisation zu überprüfen. Schliesslich versprach der hier durchgeführte erstmalige systematische Vergleich lateinischer, deutscher, französischer, spanischer Tischzuchten bzw. Manierenschriften des 12. bis 16. Jahrhunderts weitere Differenzierungen, indem er gegenüber Elias’ Modell mögliche nationale Akzentuierungen des Zivilisationsdiskurses aufdeckte.