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Martin R. Dean: Alle Paare sind auf ihre Weise unglücklich

Beitrag zum neuen Roman des Basler Autors bei SRF 2 Kultur

Ein Beitrag von Felix Münger

Der Schweizer Autor Martin R. Dean begibt sich in seinem neuen Roman «Warum wir zusammen sind» auf das verminte Gelände von Paarbeziehungen.

Warum sind wir zusammen? Was hält uns in der Beziehung? Ein Seitensprung? Oder den Partner lieber gleich ganz verlassen?

Um diese Fragen kreist Martin R. Deans packender neuer Roman. Er beginnt am Silvesterabend 1999: Ein gutes Dutzend Männer und Frauen trifft sich auf einem Eisfeld in Basel um das Ende des Millenniums gemeinsam zu feiern.

Kälte in den Beziehungen

Eine Clique, alles Paare, alle um die 40 Jahre alt, alle Akademiker mit guten Berufen: Arzt, Psychotherapeutin, Journalist, Kunstmalerin.

Man dreht auf dem Eis seine Kurven: «Das Flutlicht war angegangen und tauchte den Winterhimmel in tiefes Nachtblau, die kahlen Bäume bildeten eine scherenschnittartige Kulisse, und das Eisfeld verwandelte sich in einen glitzernden Spiegel.»

Diese Szenerie illustriert trefflich die Beziehung der Paare der Clique. Man ist zwar zusammen, aber all den Beziehungen scheint eine emotionale Kälte innezuwohnen. Eine, die ans Eis erinnert, auf dem die Schar die Millenniumsgrenze erwartet.

«Kein Mensch weiss, was Liebe ist»

Nun springt die Handlung ins Jahr 2010. Der Freundeskreis besteht noch immer. Aber was sich bereits vor zehn Jahren auf dem Eisfeld angedeutet hat, zeichnet sich nun deutlicher ab: Alle Paare sind in ihrer jeweiligen Beziehung unerfüllt. Alle sind auf ihre Weise unglücklich.

Feinfühlig schildert Martin R. Dean, wie in der Clique alle auf das empfundene Unglück reagieren – die einen mit Trennung, andere begnügen sich mit einem gelegentlichen Seitensprung, ein Paar entscheidet sich für ein archaisches Leben im Wald.

Wieder andere setzen auf geradezu grotesk anmutende schriftliche Vereinbarungen: «Kein Mensch weiss, was Liebe ist. Wir haben in langen Gesprächen unser Vertragswerk entworfen. Wir haben alles geregelt, sämtliche Aspekte unserer Beziehung, sodass wir uns um andere Dinge kümmern können.»

Spielarten der Beziehungsleere

Mit den Jahren kann in Paarbeziehungen an die Stelle der Leidenschaft die Gewohnheit treten. Dieser Befund ist nicht neu. Die Qualität dieses Romans besteht jedoch darin, dass er uns mit grosser Fabulierlust verschiedene Spielarten der Beziehungsleere vorführt und dabei zeigt, dass deren Ursache letztlich bei allen Paaren dieselbe ist.

Die Figuren begegnen sich nicht als bedingungslos Liebende, sondern als selbstbezogene Individualisten: Das Gegenüber ist das Vehikel zur Selbstverwirklichung und soll in erster Linie dem eigenen Glück dienen.

Das kann nicht gut gehen: «Nur der andere kann uns sagen, dass wir sterben, nur durch den anderen sind wir unsterblich.»

Kritischer Zwischenruf

Martin R. Deans Roman überzeugt, weil es ihm gelingt, einen philosophisch tiefgründigen Stoff in moderne und leichtfüssig erzählte Literatur zu übersetzen. Das Buch lässt sich als kritischer Zwischenruf lesen in unserer von Narzissmus und Optimierung getriebenen Zeit.

Deans Figuren scheitern nicht, weil das Modell der Paarbeziehung nicht funktionieren würde. Sondern deshalb, weil sie es nicht zu leben verstehen.

Martin R. Dean (*1955 in Menziken) studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie und lebt als Schriftsteller, Journalist und Essayist in Basel. Zuletzt erschien «Falsches Quartett» (2014) und «Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde» (2015). Am 9. Mai ist er im Rahmen des Seminars Gegenwartsliteratur am Deutschen Seminar zu Gast.

Quelle: SRF 2 Kultur

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