Erstens, zweitens, drittens: Listen in der Alltagskommunikation

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Dr. Philipp Dankel. (Bild: Universität Basel, Florian Moritz)

Wir alle benutzen täglich Listen, wenn wir kommunizieren. Der Linguist Philipp Dankel beschäftigt sich in seiner Forschung mit gesprochenen Listen und erklärt in einem Gespräch, weshalb und wie wir Listen in der mündlichen Alltagskommunikation brauchen.

Herr Dankel, welche aktuelle Auflistung aus Ihrem Alltag ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Philipp Dankel: Ich habe neulich mit meinem Bruder mögliche Geburtstagsgeschenke für meinen Vater diskutiert. Sehr lang war die Liste aber nicht. Allgemein gibt es viele alltägliche Gesprächskontexte, in denen das ganze Gespräch aus Listen besteht, wie zum Beispiel die Bestellung beim Bäcker oder was man beim Mittagessen alles auf seinem Burger haben möchte oder nicht. 

Wozu brauchen wir Listen, wenn wir im Alltag miteinander sprechen?

Wir brauchen Listen zum Erklären, Argumentieren, Organisieren, Strukturieren und Kategorisieren. Mit Listen verknüpfen und gruppieren wir Dinge, in denen wir gemeinsame Aspekte wahrnehmen. So geben wir ihnen einen Rahmen und eine Gemeinsamkeit. 

Sie interessieren sich ja für Listen in der gesprochenen Sprache. Worin unterscheiden sich schriftliche und mündliche Listen?

Die Form bzw. die Struktur von schriftlichen Listen wie Einkaufslisten, To-Do-Listen oder Musikcharts sind durch das Medium geprägt, mit dem sie erstellt werden. Geschriebene Listen haben eine konkrete Textform und sind visuell als Liste erkennbar. Das funktioniert im Gesprochenen natürlich nicht, denn wir können beispielsweise nicht Spiegelstriche untereinander packen. Auch «erstens, zweitens, drittens» benutzen wir im Gesprochenen recht selten. Wir brauchen im Gesprochenen also andere Ebenen und Strategien, um das anzuzeigen.

Zum Beispiel durch Gesten?

Ja, auch durch Gesten, wie beispielsweise das Aufzählen mit den Fingern, aber auch durch Prosodie – also zum Beispiel Akzentuierung, Intonation und Sprechpausen – oder dem Satzbau. Gesten in Listen sind sowohl wichtig als kognitive Stütze, als auch um die Interaktion zu organisieren und steuern. Wenn ich das Auflisten gerade noch plane, also wenn ich schon spreche, aber noch überlege, was ich aufzählen möchte, dann benutze ich verstärkt Gesten, die meinen Planungs- und Versprachlichungsprozess ikonisch abbilden und unterstützen. Habe ich die Liste schon geplant, kann ich eine Liste beginnen und beispielsweise signalisieren, dass sie der Gesprächspartner zu Ende führen soll. Unsere Beobachtungen zeigen, dass da eine Systematik erkennbar ist. Mündliche Listen können ein komplexes Zusammenspiel zwischen der verbalen, der prosodischen und der gestischen Ebenen sein. 

Was ist die im Alltag am häufigsten benutzte Form von Listen?

Wir zählen prototypischerweise drei Dinge auf. Das kann man daran sehen, dass wir Joker einsetzen wie beispielsweise «und so weiter», wenn wir kein Drittes wissen oder uns nichts Drittes einfällt.

Sie untersuchen Videomaterial auf Spanisch und Französisch. Konnten Sie kulturelle Unterschiede feststellen?

Die Unterschiede sind nicht sprachbedingt. Aber es gibt unter den spanischen Regionen kulturelle Unterschiede. In Lateinamerika beginnen beispielsweise die Aufzählungsgesten eher mit dem kleinen Finger, in unserem Kulturraum mit dem Daumen. Solche kulturellen Unterschiede in Bezug auf Gesten sind nicht listenspezifisch. In Bezug auf prosodische Muster und Intonationsmuster kann man ebenfalls Unterschiede beobachten. Zum Beispiel werden in verschiedenen spanischen Varietäten verschieden viele Intonationsmuster für Listen verwendet, die sich im Verlauf unterscheiden. Da wir Listen aber nicht nur an der Prosodie erkennen, sind sie dennoch für alle als Listen erkennbar.

Können Listen bewusst für kommunikative Zwecke benutzt werden?

Es besteht durchaus die Möglichkeit, Listen rhetorisch und für interaktionale Effekte zu nutzen. Listen sind als rhetorisches Stilmittel extrem wichtig, weil sie eben verschiedene Funktionen erfüllen können, wie argumentieren, demonstrieren oder illustrieren und Informationsdichte signalisieren. 

Zum Beispiel?

Bei Reden im Parlament operieren Politiker mit Listen, um ihre Argumente anzubringen. Das kann man gut planen und als Stilmittel einsetzen. Wenn ich in einer politischen Talkshow sitze und argumentiere, setze ich Listen auch sehr gezielt ein – weniger als konkret inhaltliches Element, wie in einer vorher geplanten Rede, aber als Handlungsablauf oder als Muster, auf das ich zurückgreife. Wie stark die Informationsdichte ist oder wie überzeugend die Argumente sind, die ich in die Liste packe, und wie bewusst das passiert, ist eine ganz andere Frage.

Können wir also mithilfe von Listen Interaktionen steuern?

Ja, wir erkennen Listen auf verschiedenen kommunikativen Ebenen als Handlungsschema oder als Struktur, an der wir uns als Gesprächspartner orientieren. Die Kommunikationspartner sehen den prototypischen Verlauf einer Liste vorher, weil sie ihn kennen und wissen so, wann sie dran sind oder das Rederecht übernehmen können. Mit solchen Strukturen kann man sich auch Freiraum schaffen, um beispielsweise die Planungs- und Redezeit zu verlängern. Der Sprecher kann das also strategisch nutzen: solange er seine Liste nicht beendet, darf er weitersprechen. Das sieht man oft in politischen Diskussionen.

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