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CFP: Theorie der Prosa

Workshop in Basel (23.–25.01.2020) by Ralf Simon


'Prosa' ist bislang kein Gegenstand der Literaturwissenschaft gewesen, es existiert keine kontinuierliche Forschungsdebatte, wenngleich immer wieder das Desideratum einer Theorie der Prosa markiert wird. Unter welchen Bedingungen lässt sich eine Prosatheorie angehen? Ist sich ein Textkorpus zu behaupten, welches nicht die vor allem gattungstheoretisch behandelten Prosaformen ausbuchstabiert? Es ginge dabei vor allem um Texte, die nicht über das Formparadigma, nicht primär über Kunstgriffe und Verfahrensweisen (Kunst der Prosa) und nicht über textlinguistische Grundüberlegungen zu verstehen sind. Man kann dabei an die großen Prosaentwürfe denken: James Joyce, Arno Schmidt, Johann Fischart (Geschichtklitterung), Jean Paul, Paul Wühr – um nur einige zu nennen. Manchmal werden die Texte dieser Autoren als Romane bezeichnet, aber tatsächlich besteht hier kein primäres Erzählziel. Es handelt sich um Literatur, die weithin fiktional, hochgradig selbstreflexiv und in der Etablierung einer literarischen Welt meist sehr komplex ist. Mehrfacher Schriftsinn, wilde Semiotiken, exzessive Intertextualität, hohes poetologisches Reflexionsniveau, ausformulierte Schreibszenen, mehrfach ausdifferenzierte Positionen der Funktion Autorschaft: Dies sind nur einige der Charakteristika, die solchen Texten zugeschrieben werden können.

Der hiermit angekündigte Workshop nimmt sich die Theoretisierung solcher Prosatexte zum Ziel. Schon die Konstitution des Textkorpus erfordert sehr grundlegende Überlegungen. Vor allem aber ist über eine Literaturwissenschaft nachzudenken, die nicht primär den Formbegriff und damit zusammenhängend die Begriffskonstellationen der alten Poetik bemüht. Finnegans Wake etwa erzählt so wenig wie Zettel’s Traum, aber beide Texte zeichnen sich durch eine extrem hohe, vielleicht sogar die Möglichkeiten der Lyrik übersteigende Dichte von Selbstbezüglichkeiten aus. Ist folglich eine Literaturwissenschaft zu denken, die weniger auf den Formbegriff und stärker auf poetische Selbstreferenz setzt? Sind Form und Selbstreferenz Gegensatzbegriffe? Wie sind die großen literarischen Prosaarchitekturen zu denken, wenn sie mit hergebrachten Formbegriffen nicht gedacht werden können? Und was impliziert die Verabschiedung (gattungs-)poetologischer Begrifflichkeiten im Hinblick auf die Lektüreverfahren, mit denen sich die Literaturwissenschaft solch radikal hybriden und bis zur Opazität verdichteten Texten nähert? Wie lässt sich der Prosa-Text von avancierten Roman-Konzepten (frühromantischer Roman, polyphoner Roman, etc.) abgrenzen, die sich durch Formenvielfalt auszeichnen? Ist Fiktionalität ein zentrales Theoriemoment? Warum sind Prosatexte im hier angedachten Sinne meist äußerst umfangreich? Welche historischen Modelle sind für eine aktuelle Theoriebildung in Sachen Prosa heranzuziehen? Rhetorik? Grammatik im weitesten Sinne? Semiotik, vor allem als 'wilde Semiotik'? Wie ist das Verhältnis der Prosa zur Lyrik vor allem hinsichtlich der textuellen Verdichtungen zu bestimmen? Gibt es literaturgeschichtliche Traditionen der Prosa oder literaturgeschichtliche Momente, die für Prosa günstig sind?

Der Terminus 'Theorie der Prosa' impliziert, dass der Theorieaufwand einer um den Begriff der poetischen Selbstreferenz bemühten Literaturwissenschaft nötig ist, um 'Prosa', soll sie nicht nur als Kunst/ars thematisiert werden, angemessen zu denken. So jedenfalls lautet die Grundannahme des Basler Projekts 'Theorie der Prosa', welches mit drei Forschungsstellen vom Schweizer Nationalfonds finanziert wird.

Für den Workshop erhoffen wir uns Beiträge, die die genannten Überlegungen aufnehmen – in kritischer Auseinandersetzung oder in aufnehmender Weiterführung – und theorieintensiv argumentieren. Beiträge aus dem Kontext anderer Philologien und überraschende Infragestellungen des disziplinär Erwartbaren sind sehr erwünscht.

Dieser und ein weiterer Workshop, der intensiven Lektüre von Prosa-Texten gewidmet, sollen zu einer Publikation führen. Die offenere Organisationsform eines Workshops wird gewählt, um Diskussionsraum jenseits der sonst engen Zeittaktungen üblicher Tagungen zu gewinnen. Der Workshop findet vom 23.–25. Januar 2020 in Basel statt.

Exposés von ca. einer Seite mit Themenvorschlägen sind bis zum 15. Januar 2019 erbeten an ralf.simon@unibas.ch.